Von Klassenerhalt und Klassenkampf

Bundesligasaison 1977/1978. Der FC St. Pauli, erst in der Vorsaison in die 1. Bundesliga aufgestiegen, verbringt die gesamte Rückrunde auf den Tabellenplätzen 17 oder 18; der postwendende Wiederabstieg scheint spätestens zur Ostern 1978 unausweichlich – und das, während sich beim Erzrivalen HSV der just als Manager verpflichtete Fußball- Weltmeister Günther Netzer anschickte, den Verein in die erfolgreichste Ära seiner Geschichte zu führen.

Aber auch andere Duelle standen in Hamburg an: Bei der Bürgerschaftswahl im Juni 1978 stellte sich eine neues Bündnis zur Wahl. Die „Bunte Liste – Wehrt euch“ mit Wurzeln im Kommunistischen Bund (KB), der Bürgerinitiative Umweltschutz Unterelbe (BUU) und einem breiten Spektrum von Gruppierungen aus der Bürger*innenbewegung forderte als links-alternative Allianz die im Hamburger Senat etablierten Parteien heraus. Im März 1978 gegründet, stand die Bunte Liste für Demokratie und Umweltschutz und thematisierte in Ihrem Grundsatzprogramm Einsparungen im Sozialbereich und im Gesundheitswesen, Berufsverbote, Atomkraft und §175 ebenso (Dagegen!), wie die Gleichberechtigung von Frauen, eine schülerfreundliche Schulpolitik, eine kinderfreundliche Stadt, bezahlbaren Wohnraum, Nulltarif im öffentlichen Nahverkehr, gleiche Rechte für Ausländer und Liberalisierung im Strafvollzug (Dafür!).

Bei aller Vielfalt der Themen und beteiligten Initiativen – bei Gründung bestand das Bündnis aus über 200 lokalpolitischen Gruppen – wichtig war den Aktivist*innen der Bunten Liste auch eine andere Art der Politik: „Wir arbeiten weiter in unseren Initiativen und Gruppenzusammenschlüssen. Wir werden nach der Wahl nicht anders arbeiten als vor der Wahl. Unsere Arbeit in der Bürgerschaft wird bestimmt durch die Ziele und Aktivitäten unserer Initiativgruppen“, heißt es im Vorwort zum Grundsatzprogramm vom 18. März 1978. Und: „Wir beteiligen uns an der Bürgerschaftswahl , weil wir all diejenigen, die ihre Interessen von den etablierten Parteien nicht oder nicht mehr vertreten sehen, darin bestärken wollen, die Forderung nach einer grundsätzlichen Alternative selbst in die Hand zu nehmen“.

Und was hat das nun mit Fußball zu tun?

ALLES – jedenfalls gemäß dem Flugblatt, das uns beim Neuordnen unserer Flublattsammlung in die Hände gefallen ist.

Ein Flugblatt, schwerzer Text af weissem Grund, Überschrift "Abstieg? Nein Danke Nr1", am Rand einige cartoonhafte Zeichnungen
"Abstieg? Nein Danke" Flugblatt, Kommunistischer Bund, Hamburg 1978 (Vorderseite)
Flugblatt, schwarzer Text auf weissem Grund, Überschrift "Aufstieg? Ja Bitte", an den Rändern cartoonhafte Zeichnungen
"Aufstieg? Ja Bitte", Flugblatt, Kommunistischer Bund, Hamburg 1978 (Rückseite)

Wie ernst man es beim KB meint, mit verbilligten Eintrittskarten für Heimspiele, kostenlosen Aufklebern und einer Flugblattserie den FC St. Pauli vor dem Abstieg bewahren zu können, was die „fussball-kommission“ dazu beitragen kann, wie das alles in das große Ganze des Klassenkampfs passt, und ob sich St.-Pauli-Fans mit dem Wahlversprechen, das Stadion am Millerntor nicht nur im bundesligatauglichen Ausbau zu unterstützen, sondern es auch  in „Teddy-Thälmann-Kampfbahn“ umzubenennen, in Massen zur Wahl der  Liste „Wehrt euch“ bewegen lassen – wer weiß das schon. Eben so wenig ist klar, ob es nach dem Flugblatt „NR.1“ weitere Flugblätter gab, was an Flugblattinhalt und -Ästhetik dem Zeitgeist der 1970er Jahre und dem Jargon der K-Gruppen entspricht, und was bei all dem klassenkämpferischen Kampf für den Klassenerhalt vielleicht doch Ironie oder gar Parodie ist. 

Wie auch immer: Der Flugblatt-Zufallsfund wirft ein Schlaglicht sowohl auf die Entstehung neuer Wahlbündnisse aus dem Kontext der Bürger*inneninitiativen und Protestbewegungen – eine Entwicklung, aus der 1980 auch Die Grünen als Partei hervorgingen ebenso, wie innerlinke Allianzen und Rivalitäten in Hamburg. 
Und falls jemand das Flugblatt kennt, noch etwas zu den vielen Anspielungen (die „erprobte ordnertruppe“? die „fussball-kommission“ von „günter hopfenmüller“?) weiß, vielleicht doch ein Flugblatt „NR.2“ oder „NR.3“ in den Händen gehalten hat oder gar selbst an der Produktion und Verteilung beteiligt war: Wir würden uns sehr freuen, von euch zu hören unter archiv[at]his-online.de

Allen klassenkämpferischen Bemühungen (und kostenlosen Aufklebern!) zum Trotz ist der FC St. Pauli 1978 am Ende doch als Tabellenletzter abgestiegen. Die Bunte Liste scheiterte bei der Bürgerschaftswahl zwar an der 5%-Hürde und damit am Einzug ins Hamburger Landesparlament, wurde mit 3,5% der Stimmen aber immerhin vierstärkste Kraft und lag deutlich vor der anderen Umweltschutz-Liste, der Grünen Liste Umweltschutz GLU. Zwei Bunte-Liste-Vertreterinnen schafften es zudem in die Bezirksvertretung Eimsbüttel.
Nach der Wahl begann in der „BuLi“ allerdings schnell ein Spaltungsprozess, vor allem anhand der Trennlinie KB, der seit Gründung der Liste versucht hatte, sie mit seiner Politik und seinem Personal zu dominieren, und eher in klassischen Bürger*inneninitiativen und Umweltpolitik verorteten alternativen Gruppen. Aber auch Differenzen innerhalb des KB spielten eine Rolle. Letztlich löste sich die BuLi 1981 zugunsten der neugegründeten „Alternativen Liste Hamburg“ auf, die ihrerseits 1982 mit dem Grünen Landesverband zur „Grün-Alternativen Liste“ (GAL) fusionierte. 

(sk, 13.05.2026)