Hamburger Ehrendenkmünze für Peggy Parnass

Endlich ist es soweit: Am 30. Juni bekommt Peggy Parnass die Ehrendenkmünze in Gold des Hamburger Senats verliehen. Diese hohe Auszeichnung für die Journalistin, Autorin, Schauspielerin und Aktivistin hatte der Senat schon im November 2019 beschlossen (Pressemitteilung) – doch die Corona-Pandemie führte dazu, dass die offizielle Überreichung der Ehrung bislang nicht stattfinden konnte.
Peggy Parnass, so der Erste Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher in der Begründung für die Auszeichnung, sei eine engagierte Verfechterin für Demokratie und Toleranz und setze sich unbeugsam für eine pluralistische und offene Gesellschaft ein. Sie habe „mit ihren oft streitbaren  Wortmeldungen seit Jahrzehnten wichtige Impulse für Demokratie, Erinnerungskultur und Gleichberechtigung gegeben“.

Ehrenmitglied im deutschen PEN

 Die Ehrendenkmünze ist übrigens nicht die einzige Ehrung, die Peggy Parnass in diesem Jahr erhält: Im März ernannte das Präsidium des deutschen PEN-Zentrums sie zum Ehrenmitglied der Schriftsteller*innenvereinigung (Pressemitteilung).
Peggy Parnass hält Schild mit Aufschrift
Peggy Parnass bei einer Demonstration gegen den damaligen Bundesinnenminister Zimmermann (CSU), 1983. - Foto und Protest-Schild befinden sich seit 2020 im Parnass-Vorlass im Archiv des Hamburger Instituts für Sozialforschung.

 „Der PEN ehrt damit eine Frau, die sich zeitlebens mutig und unbeirrt für Demokratie und Menschenrechte eingesetzt und gegen jede Form von Faschismus und Unterdrückung gekämpft hat, trotz nunmehr jahrzehntelanger, oft offen antisemitischer Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen“, so PEN-Präsidentin Regula Venske. „Dass Peggy Parnass trotz ihrer Lebens- und Familiengeschichte in ihre Geburtsstadt Hamburg zurückkehrte, sich nach wie vor ins öffentliche Leben einmischt und ihre Stimme erhebt, empfinde ich als großes Geschenk. Ich bin voller Dankbarkeit und Bewunderung, nennen wir es ruhig Liebe, für diese zarte, starke Frau.“ „Peggy Parnass ist bis heute Vorbild für ungebrochenen Widerstand gegen Antisemitismus und Nazismus, auch für die eigene Motivation nicht nachzulassen“, so Leander Sukov, Vizepräsident des deutschen PEN-Zentrums. „Stets ist sie, die schwedische Staatsbürgerin, in ihrer Heimatstadt Hamburg aber auch im Exil geblieben.“

© Peter Peitsch / peitschphoto.com
Illustre Diskussionsrunde in der Hamburger Heinrich-Heine-Buchhandlung:
v.l.n.r. Dorothee Sölle, Axel Eggebrecht, Erich Fried, Peggy Parnass und Gerd Fuchs.
© Peter Peitsch / peitschphoto.com


Vorlass im HIS-Archiv

Seit Jahrzehnten ist Peggy Parnass ein fester Bestandteil von St. Georg. Noch bis 2019 lebte sie, inzwischen 93-jähring, in ihrer Wohnung in der Langen Reihe, bevor sie – nach einem Sturz auf Betreuung angewiesen – ins Zindler-Haus der der Heerlein- und Zindler-Stiftung fast um die Ecke umzog.
Bei ihrem Umzug ins betreute Wohnen hat Peggy Parnass ihren umfangreichen Vorlass dem Archiv des Hamburger Instituts für Sozialforschung anvertraut – fast 100 Umzugskartons voller Briefe, persönlicher Dokumente, Manuskripte, Recherchematerialien, Fotos, Video- und Tonaufnahmen aus einem Leben(swerk) voller Mut und Leidenschaft.

Ein wichtiger Bestandteil dieses Vorlasses sind die 10.000-12.000 Fotos, die den gesamten Lebenszeitrahmen von Peggy Parnass umfassen. Fotos von ihren Eltern und anderen Verwandten, die im Nationalsozialismus ermordet worden sind, Kindheitsfotos aus dem Hamburg der 1920er und 1930er Jahre, Fotos aus der Zeit in Schweden, wohin sie mit ihrem jüngeren Bruder 1939 aus Nazi-Deutschland über den letzten Kindertransport entkommen konnte, Fotos aus der Zeit nach ihrer Übersiedlung nach England und schlussendlich,  die Fotos aus ihrer Zeit zurück in Deutschland – und in Hamburg  – seit den 1960er Jahren.

Persönliche Dokumente und bundesdeutsche Zeitgeschichte: Ein Leben(swerk) in Fotos

Neben Familie, Freunden und Privatleben von Peggy Parnass dokumentieren die Fotos auch ihre vielfältige künstlerisch-journalistische Tätigkeit – u.a. als Schauspielerin, Kolumnistin, Autorin, Übersetzerin und 17 Jahre lang als Gerichtsreporterin für die Zeitschrift konkret – und ihr ungebrochenes politisch-gesellschaftliches Engagement für Antifaschismus, Frieden und Gleichberechtigung.
Die Fotos, wie der gesamte Vorlass, sind damit nicht nur Zeugnisse der Lebensgeschichte einer außergewöhnlichen, eigenwilligen, wunderbaren Frau, sondern gleichsam ein eigenes Archiv bundesdeutscher Geschichte: Wer sich mit kulturgeschichtlichen Fragen der BRD in den ersten Jahrzehnten nach der Kriegsniederlage Deutschlands mit all ihren Belastungen befasst, wird regelmäßig in den Bereichen Film, Journalistik, Reportagen über juristisch unverfolgte wie verfolgte Nazi-Täter*innen, über die Fortdauer des Nazismus und seine Transformation in den Neonazismus, über die Fortdauer des Antisemitismus, aber auch über Fragen beispielsweise der Ausrichtung des Feminismus (Frauen in die Bundeswehr ja oder nein), des politischen und alltäglichen Rassismus, der Beachteiligung oder Verfolgung  wegen sexueller  Orientierung oder geschlechtlicher Identität,  und zu vielen anderen Themen mehr auf die Person Peggy Parnass stoßen.

Als erste Phase der Bearbeitung des Parnass-Vorlasses im HIS-Archiv werden derzeit in einem von der Behörde für Kultur und Medien der Stadt Hamburg geförderten Projekt zunächst die Fotos gesichtet, sortiert, inhaltlich erschlossen und archivgerecht verpackt.
Wir haben dabei das große Glück, dass wir dabei die Hilfe von Peggy Parnass haben: Bei regelmäßigen Treffen gibt sie uns nicht nur wichtige Informationen zur Datierung und zu auf den Fotos abgebildeten Personen, Ereignissen und Orten, sondern es entspinnen sich anhand der Bilder auch längere biographische Gespräche.
Die Audio-Aufzeichnungen dieser Gespräche sind weit mehr als nur ein „Beiprodukt“ der Fotorecherche – sie ergänzen vielmehr den „Papier“-Vorlass von Peggy Parnass um die wichtige Dimension der ‚oral history‘ und werden nicht nur bei der archivischen Bearbeitung der Materialien überaus hilfreich sein, sondern auch langfristig als eigenständige Quellen für die Forschung einen enormen Wert haben.

Nach der Bearbeitung, die auch die Klärung von Urheber*innen- und Persönlichkeitsrechten einschließt, wird der Fotobestand voraussichtlich ab Mitte 2022 für die Archivnutzung zur Verfügung stehen. Für den Gesamtvorlass Parnass erwarten wir eine Bearbeitungszeit bis ca. 2025.

SK, 30.06.2021

Mit Dank für die Projektförderung an

Behörde_BUE